Den eigenen Pfad finden
Individuelle Förderung für Menschen mit Autismus im Bathildisheim

BAD AROLSEN. Oskar betritt den Therapieraum und steuert direkt auf die gemütliche Sitzecke zu. Therapeutin Nadine Flörke des Autismus-Therapie und Beratungszentrums (ATB) hilft ihm, zur Ruhe zu kommen, indem sie ihm Gegenstände zum Kauen reicht. Nach einer Weile fordert sie ihn auf, mit an den Tisch zu kommen. Oskar fragt über eine Sprechfliese nach Hilfe. Nadine Flörke unterstützt ihn daraufhin beim Sortieren der Gegenstände auf dem Tisch, welche genutzt werden, um ihn seiner visuellen Wahrnehmung zu fördern.
So beginnt eine typische Therapiestunde für den zehnjährigen Oskar. Er ist frühkindlicher Autist und spricht nicht mit Worten. Routinen sind für ihn wichtig, sie geben ihm die für ihn notwendige Vorsehbarkeit und somit Sicherheit. Da es ihm schwerfällt, seine Bedürfnisse zu äußern, lernt er aktuell diese mit Hilfe eines Talkers auszudrücken. Ein Talker ist ein Tablet-Computer, der mit spezieller Sprachsoftware ausgestattet ist.
„Mir war schnell klar, dass Oskar anders ist“, erinnert sich seine Mutter. „Schon Kleinigkeiten konnten ihn extrem stören, etwa der Anblick von Knete – das hat heftige Reaktionen in ihm ausgelöst.“ Nach der Diagnose suchte sie den Kontakt zum ATB (Autismus-Therapie- und Beratungszentrum).
Individuelle Betreuung durch ein vernetztes System
Seit seinem zweiten Lebensjahr erhält Oskar einmal wöchentlich Therapie im ATB. Er besuchte zunächst einen Regelkindergarten. Dies führte leider aufgrund von Oskars speziellen Bedürfnissen zu Problemen. So fiel die Entscheidung, ihn mit fünf Jahren im Bathildisheim e.V. in eine mein weg-Wohngruppe und in die Vorschulklasse der Karl-Preising-Schule zu geben.
Oskars Wahrnehmung unterscheidet sich von der anderer Menschen: Geräusche nimmt er besonders intensiv wahr, da das Gehirn anders vernetzt ist und so der Filter fehlt, unwichtige Informationen auszublenden. Stattdessen strömen alle Reize ungefiltert auf ihn ein – eine ständige Herausforderung. Um Stress abzubauen, hat er eigene Strategien entwickelt, etwa durch Kauen.
Sein Umfeld im Bathildisheim ist genau darauf abgestimmt: In der Wohngruppe gibt es klare Strukturen, auf dem Wohn- und Schulgelände kennt er sich aus, und seine Therapien finden nur wenige Schritte von seinem Klassenzimmer entfernt statt. Diese räumliche Nähe ermöglicht eine kontinuierliche Förderung ohne lange Wege oder Unterbrechungen. Oskar kann selbstständig zur Schule gehen und verbringt gerne Zeit auf den Spielplätzen des Geländes. Wöchentlich holt ihn seine Therapeutin direkt aus der Schulklasse ab – so ist die Therapie nahtlos in seinen Alltag integriert.
Kleine Schritte, große Fortschritte
Oskars Entwicklung wird im Bathildisheim intensiv begleitet. Fortschritte, die für andere selbstverständlich erscheinen, sind für ihn Meilensteine. „Zuletzt hat Oskar einen wichtigen Schritt in seiner Selbstfürsorge gemacht“, berichtet Nadine Flörke. „Er hat sich selbstständig seine Kopfhörer aufgesetzt.“ Damit zeigt er, dass er gelernt hat, sich vor überfordernden Reizen zu schützen. Auch in anderen Bereichen entwickelt er sich weiter: Im Urlaub mit der Familie hat er andere Kinder beobachtet und ihr Verhalten nachgeahmt – ein bedeutender Fortschritt in seiner sozialen Entwicklung.
Lernen als langer Prozess
Eine Autismus-Diagnose bedeutet, dass sich das gesamte Umfeld anpassen muss – klare Prognosen gibt es selten. Nadine Flörke beschreibt das Lernen eines Autisten mit einer Metapher: „Es ist wie das Laufen über Gras. Anfangs knickt man nur ein paar Halme um, doch je öfter man denselben Weg geht, desto deutlicher wird der Pfad.“
Dieser Weg mag manchmal länger sein und nicht immer geradlinig verlaufen, aber mit der richtigen Unterstützung kann jedes Kind seinen eigenen, individuellen Pfad finden. Oskars Geschichte zeigt, wie wichtig ein Umfeld ist, das auf die besonderen Bedürfnisse autistischer Kinder eingeht – und wie weit sie sich entwickeln können, wenn sie die passende Förderung erhalten.
Hintergrund: Der internationale Welt-Autismus-Tag findet jährlich am 2. April statt. Der Welttag soll eine breite Öffentlichkeit auf die Bedürfnisse von Autisten aufmerksam machen.
Der Bathildisheim e.V. ist ein diakonisches Sozialunternehmen in Nordhessen mit vielfältigen Angeboten für Menschen mit Beeinträchtigungen, so auch Autismus. Zum Unternehmen gehören die Karl-Preising-Schule, das Berufsbildungswerk Nordhessen, das Wohnen und die ambulanten Leistungen von mein weg sowie die Werkstatt für Menschen mit Behinderung. Das Ziel der rund 1.000 Mitarbeitenden ist es, regionale und wohnortnahe Unterstützung für die ca. 1.300 Klient:innen anzubieten.
Kontakt:
Maren Vaupel
Unternehmenskommunikation
Fon.: +49 5691 899-198
Mobil.: +49 173 81 54 692
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